Episode 61: Das Flüstern im Laub

Ein leiser Wind zog an diesem Morgen durch die Bäume rund um den Sankelmarker See. Die Zweige der alten Birken raschelten sacht, und das Licht der frühen Sonne brach sich in kleinen Wellen auf dem Wasser. Es war einer dieser Tage, an denen die Welt gleichzeitig ruhig und gespannt wirkte – als würde etwas darauf warten, entdeckt zu werden.
Alle bisher veröffentlichen Episoden
- Episode 61: Das Flüstern im Laub
- Episode 60: Das Zeichen am Ufer
- Die Spur der Falkenbergs
- Die verlorene Verbindung
- Das alte Versprechen
- Der verschwundene Gast
- Das erste Jahr im Seeblick
- Episode 58: Ein neuer Blick auf das Seeblick
- Episode 57: Ein Tag im Seeblick
- Episode 56: Ein stiller Beobachter
- Episode 55: Heiko entdeckt Sankelmark
- Episode 54: Ein leiser Wandel
- Episode 53: Die Ankunft der Familie Lenzen
- Episode 52: Das vergessene Gutshaus
- Episode 51: Die verborgenen Aufzeichnungen
- Episode 50: Verborgene Pfade
- Episode 49: Die Inschrift in der Kirche
- Episode 48: Die Reise nach Oeversee
- Episode 47: Das Echo der Glocke
- Episode 46: Die Glocke aus der Tiefe
- Episode 45: Die Fahrt ins Unbekannte
- Episode 44: Die Spur auf dem See
- Episode 43: Begegnungen in Oeversee
- Episode 42: Der Blick durch das Fernrohr
- Episode 41: Die Spur im Hafen
- Episode 40: Die Karte der Vergangenheit
- Episode 39: Das vergessene Ufer
- Episode 38: Der Kompass des Vergessens
- Episode 37: Der Fund am Morgen
- Episode 36: Die Botschaft aus der Tiefe
- Episode 35: Das Licht im Wasser
- Episode 34: Grenzen und Konsequenzen
- Episode 33: Das Echo des Sees
- Episode 32: Ein Tag in Sankelmark
- Episode 31: Das Geheimnis im Schilf
- Episode 30: Zwischen Alltag und Ungewissheit
- Was bisher geschah - was geschehen wird
- Episode 29: Das Grollen aus der Tiefe
- Episode 28: Das Echo aus der Tiefe
- Jonas und sein Geheimnis
- Episode 27: Ein spannender Alltag im Hotel Seeblick
- Episode 26: Schatten über dem See
- Episode 25: Das Grollen aus der Tiefe
- Episode 24: Die Warnung aus der Tiefe
- Episode 23: Anna und die Stimmen der Vergangenheit
- Zwischenerzählung: Anna und der Ruf des Seeblick
- Episode 22: Das verschwundene Zeichen
- Episode 21: Das Echo der Vergangenheit
- Was bisher geschah: Die Geheimnisse des Sankelmarker Sees
- Episode 20: Die Wächter des Sees
- Episode 19: Das Echo der Glocke
- Episode 18: Der Fremde und die Wahrheit im Nebel
- Episode 17: Das Rätsel der Kristalle
- Episode 16: Ein Rätsel im Dorf
- Episode 15: Ein lebhafter Tag im „Seeblick“
- Anna und die Stimmen der Vergangenheit
- Episode 14: Der verborgene Tunnel
- Episode 13: Verborgene Wahrheiten im Hotel
- Episode 12: Das Tagebuch des Fremden
- Episode 11: Die Spur im Nebel
- Was bisher geschah rund um den Sankelmarker See: Die Reise ins Unbekannte
- Episode 10: Der erste markierte Punkt
- Episode 9: Annas Sorgen und neue Pläne
- Tauche ein in die Geheimnisse des Sankelmarker Sees – per WhatsApp!
- Episode 8: Das verborgene Zimmer
- Episode 7: Die Akademie Sankelmark
- Episode 6: Die Lichter auf dem See
- Episode 5: Die Gravuren im Nebel
- Episode 4: Das verlorene Boot
- Episode 3: Symbole im Arnkielpark
- Episode 2: Das Kiek In und die ersten Geschichten
- Episode 1: Annas Neuanfang
- Das Bullauge der Zeit
Anna stand neben dem alten Baum am Ufer, neben ihr Heiko, Frau Alva und die Kinder. Im feuchten Waldboden vor ihnen war ein Zeichen eingeritzt – sauber, gezielt, nicht durch Zufall entstanden. Es erinnerte entfernt an die alten Symbole aus den Falkenberg-Briefen, aber auch an die Formen, die sich in den letzten Wochen auf dem See gezeigt hatten.
„Das ist neu,“ sagte Lukas leise. „Gestern war es noch nicht da.“
Heiko kniete sich hin und betrachtete die Einkerbung genauer. „Die Linien sind frisch. Vielleicht ein, zwei Tage alt. Das ist kein Zufall.“
„Aber wer würde so etwas hier hinterlassen?“ fragte Mia. „Und warum?“
Anna beugte sich ebenfalls vor. „Vielleicht ist es keine Warnung. Vielleicht ist es eine Nachricht.“
„Oder eine Einladung,“ sagte Lea und sah zum See hinaus. „Der See spricht – nur verstehen wir ihn noch nicht.“
Sie fotografierten das Zeichen und markierten die Stelle mit einem kleinen Holzstab. Anna machte sich eine Notiz, um später Frau Lund in der Akademie Sankelmark ein Bild davon zu schicken. Vielleicht kannte sie das Symbol aus alten Aufzeichnungen.
„Ich werde mit ihr sprechen,“ sagte Anna, „aber ich habe das Gefühl, wir kommen der Wahrheit näher.“
Während sie zurück zum Hotel gingen, sprach kaum jemand. Es war nicht die Erschöpfung, sondern dieses Gefühl von Nähe – als ob die Antwort, nach der sie suchten, plötzlich nicht mehr in weiter Ferne lag.
Am Nachmittag war das Seeblick erfüllt von alltäglichem Leben. Gäste saßen auf der Terrasse, tranken Kaffee, lasen, unterhielten sich. Heiko stand im Schatten des Eingangs und beobachtete das Treiben. Für einen Moment wirkte alles friedlich. Doch er spürte, dass das Hotel, der See, das Dorf – dass all das nur an der Oberfläche ruhig war. Darunter bewegte sich etwas.
„Du denkst nach,“ sagte Anna und trat neben ihn.
„Immer,“ antwortete Heiko mit einem leichten Lächeln. „Vor allem über das, was wir heute Morgen gesehen haben.“
„Ich frage mich, ob es mit den Falkenbergs zu tun hat,“ sagte Anna. „Vielleicht haben sie versucht, das Gleichgewicht zu bewahren. Vielleicht haben sie gewusst, dass das Hotel mehr als ein Ort ist.“
Heiko nickte. „Und was, wenn sie gescheitert sind?“
Anna sah ihn an. „Dann dürfen wir nicht die gleichen Fehler machen.“
Während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, saßen die Kinder später auf dem Steg und warfen Kieselsteine ins Wasser. Petersen kam dazu, setzte sich neben sie, sagte zunächst nichts.
„Ich hab’s gesehen, weißt du,“ sagte er schließlich. „Das Zeichen. Früher. Nur einmal. Mein Großvater hat es mir damals gezeigt, kurz vor seinem Tod.“
„Und was hat er gesagt?“ fragte Finn.
Petersen sah aufs Wasser. „Er sagte, es ist das Siegel des Wachens. Wenn es erscheint, bedeutet das, dass sich etwas öffnet. Oder schließt.“
Die Kinder schwiegen. Das Wasser kräuselte sich leicht, als ob der See auf die Worte reagierte.
Später in der Nacht saß Heiko noch einmal allein in der Lobby. Das Hotel war still. Auf dem Tisch vor ihm lag das Foto der Falkenbergs. Er betrachtete die Gesichter – ernst, aber nicht hart. Er fragte sich, was sie wussten. Und was sie zurückgelassen hatten.
Dann, ganz leise, hörte er es: Ein Rascheln. Nicht im Hotel. Draußen. Ein Flüstern im Laub.
Heiko stand auf und trat ans Fenster.
Am Seeufer, wo sie das Zeichen gefunden hatten, bewegte sich der Nebel – so als würde etwas Altes, Langsames, Geduldiges wach werden.
Und er wusste:
Der nächste Schritt würde entscheidend sein.
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